Entwurf

Digitale Innovation

Einleitung

In seinem JAMA Artikel „How AI Could Reshape Health Care—Rise in Direct-to-Consumer Models“, beschreibt Kenneth D. Mandl, wie künstliche Intelligenz (KI) die Gesundheitsversorgung grundlegend verändern könnte, insbesondere durch den Aufstieg direkter Konsumentenmodelle (DTC). Er hebt hervor, dass Google Search längst als Entscheidungshilfe für Patienten dient, während Amazon Prime Telemedizin, Apothekenleistungen und vor Ort hausärztliche Versorgung integriert. Traditionelle Gesundheitsorganisationen (HCOs) kämpfen jedoch mit der digitalen Innovation, da sie an starren Strukturen und komplexen Anforderungen hängen bleiben. Gleichzeitig kommt es zu einer Vermarktwirtschaftlichung der Gesundheitsversorgung durch DTC-Unternehmen, die mit Big Tech und agilen KI-Lösungen schnell skalieren und personalisierte Angebote schaffen, während HCOs Marktanteile an diese Innovatoren verlieren könnten. (Mandl 2025)

Die Studie „A scoping review of ethical aspects of public-private partnerships in digital health“ von Marieke A. R. Bak et al. (npj Digital Medicine, 2025) analysiert ethische Herausforderungen von öffentlich-privaten Partnerschaften (PPPs) im Bereich digitaler Gesundheit anhand von 46 Studien aus PubMed, EMBASE und Web of Science. Drei Hauptthemen wurden identifiziert: Datenschutz und Einwilligung, Sicherstellung öffentlicher Vorteile und Zugang sowie gute Governance und Vertrauenswürdigkeit. Die Ergebnisse zeigen, dass PPPs Datenschutzbedenken, unklare Definitionen von „öffentlichem Nutzen“ und Machtungleichgewichte zwischen Partnern aufwerfen, wie beispielsweise in den kontroversen Fällen care.data, NHS/DeepMind und deCODE. Die Autoren empfehlen frühzeitige, kontextbezogene Ethikrichtlinien, transparente Governance und öffentliche Beteiligung, um verantwortungsvolle Innovation zu fördern, und fordern weitere Forschung zu tripartiten Partnerschaften und der „Ökonomisierung“ digitaler Gesundheit. (Bak u. a. 2025)

Patienten übernehmen zunehmend selbst die Verantwortung für ihre Gesundheit. In Anbetracht langer Wartezeiten, Ärztemangels und einer wachsenden Auswahl an Selbsthilfe-Tools ist ein unbeantworteter Bedarf entstanden. Labortests, etwa von Quest Diagnostics, ermöglichen es, Blutuntersuchungen für chronische Erkrankungen ohne ärztliche Überweisung zu bestellen, wobei die Ergebnisse mit einem Arzt besprochen werden sollten. Tragbare Geräte wie der KardiaMobile-EKG-Monitor erlauben die Überwachung des Herzrhythmus zu Hause. KI-Tools wie ChatGPT werden genutzt, um Symptome zu recherchieren und Diagnosen vorzuschlagen, wie im Fall eines Jungen, dessen Tethered-Cord-Syndrom durch die Analyse seiner Mutter mit ChatGPT erkannt wurde. Experten weisen auf Risiken hin, darunter unzuverlässige KI-Ergebnisse und Datenschutzprobleme, und betonen die Notwendigkeit klinischer Validierung und ärztlicher Aufsicht für eine sichere und effektive Nutzung dieser Technologien. [Landro (2025);holohan2023]

Übersicht Digitale Technologien

Die Studie „The Nature of Digital Technologies – Development of a Multi-layer Taxonomy“ von Stephan Berger, Marie-Sophie Denner und Maximilian Röglinger entwickelt eine mehrschichtige Taxonomie zur Klassifizierung digitaler Technologien (DTs). Sie strukturiert diese entlang vier Schichten (Service, Content, Network, Device) und acht Dimensionen, basierend auf einer umfassenden Literaturrecherche und der Methode von Nickerson et al. (2013). Durch die Klassifizierung von 45 DTs aus dem Gartner Hype Cycle und eine Clusteranalyse wurden sieben Archetypen identifiziert, darunter Plattformen, Konnektivität und augmented Interaction. Die Taxonomie und Archetypen fördern das Verständnis der Natur von DTs und unterstützen fundierte Entscheidungen über deren Einsatz. Die Studie betont die Notwendigkeit, das sich schnell entwickelnde Feld der DTs kontinuierlich zu überarbeiten, und trägt zum deskriptiven Wissen bei. (Berger u. a. 2018)

Der Artikel mit dem Titel „A Taxonomy for Digital Technology“ (2021) befasst sich sachlich und nüchtern mit der Rolle und Charakterisierung digitaler Technologien im Kontext der digitalen Transformation. Er zeigt auf, wie die Verschmelzung persönlicher und unternehmerischer IT-Umgebungen die soziale Vernetzung stärkt und lokale Gemeinschaften fördert, unter anderem durch Technologien wie soziale Medien, Mobile, Analytics, Cloud und das Internet der Dinge. Die Arbeit entwickelt auf Basis einer Literaturübersicht und eines Taxonomie-Entwicklungsansatzes eine systematische Einordnung digitaler Technologien, deren Wirkungen sowie die Komponenten digitaler Plattformen und Ökosysteme. Ziel ist es, das Verständnis digitaler Technologien in der Forschung zur digitalen Transformation zu vertiefen. (Gomes u. a. 2021)

Geschäftsmodelle

Softwarehersteller im Bereich der ambulanten Medizin nutzen unterschiedliche Geschäftsmodelle. Sie unterscheiden sich in Kostenstrukturen und Innovationskraft. Es gibt Anbieter mit Lizenzmodell, bei dem Ärzte Anschaffungskosten zahlen, gefolgt von jährlichen Gebühren. Andere bieten Abonnements (SaaS), bei denen monatliche Gebühren für Cloud-basierte Lösungen anfallen – flexibel, aber mit fortlaufenden Kosten und Notwendigkeit eines von Internetzugang; die Innovationskraft ist hoch, da regelmäßige Updates den Wettbewerb antreiben. Wieder andere verkaufen Software als einmaligen Kauf mit optionalen Supportverträgen. Das Genossenschaftsmodell der Duria eG hebt sich davon ab: ÄrztInnen zahlen einmalig einen Genossenschaftsanteil und einen jährlichen Beitrag.

Digitale Innovationen können über direkte und indirekte Zugangswege in den ersten Gesundheitsmarkt integriert werden (Gersch und Danelski 2022).

Direkte Zugangswege (B2P/B2C-Lösungen)

  1. Digitale Pflegeanwendungen (DiPA, §40a SGB XI):
    • Versorgung von Pflegebedürftigen mit digitalen Anwendungen, die deren Selbstständigkeit fördern.
    • Antragstellung erfolgt bei der Pflegekasse.
    • Nicht zwingend als Medizinprodukt klassifiziert.
  2. Digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA, §139e SGB V):
    • Medizinprodukte der Risikoklasse I oder IIa.
    • Aufnahme in das DiGA-Verzeichnis durch das Fast-Track-Verfahren des BfArM.
    • Verordnung durch Ärzte oder Psychotherapeuten (“App auf Rezept”).
  3. Primärprävention (§20 SGB V):
    • Angebote zur Verhinderung von Krankheitsrisiken (z. B. Bewegung, Ernährung).
    • Individuelle Verträge der Krankenkassen, keine gesetzliche Regelversorgung.
  4. Neue Untersuchungs- und Behandlungsmethoden (NUB, §§135, 137c-h SGB V):
    • Erprobung und mögliche Integration neuer Methoden in den Leistungskatalog.
    • Voraussetzung: wissenschaftlicher Nachweis von Nutzen und Wirksamkeit.
  5. Hilfsmittel (§33, §139 SGB V, §40, §78 SGB XI):
    • Versorgung mit medizinischen oder pflegerischen Hilfsmitteln.
    • Digitale Lösungen wie Medikamentenspender, Trackingsysteme, etc.
  6. Satzungsleistungen (§11 SGB V):
    • Krankenkassen können freiwillige Zusatzleistungen anbieten (z. B. nicht verschreibungspflichtige Medikamente).
  7. Besondere Versorgung (§140a SGB V):
    • Verträge zwischen Krankenkassen und Leistungserbringern, z. B. für sektorenübergreifende Lösungen.

Mehrere Studien beleuchten ethische, wirtschaftliche und politische Herausforderungen im Kontext der Digitalisierung und Kommerzialisierung des Gesundheitswesens durch nicht-traditionelle Akteure. „Ethical concerns with online direct-to-consumer pharmaceutical companies“ von Henry Curtis und Joseph Milner analysiert Interessenkonflikte bei Ärzten und potenzielle Patientenschäden durch fehlenden direkten Kontakt in Online-Verschreibungsmodellen. „The dominant logic of Big Tech in healthcare and pharma“ von Alexander Schuhmacher et al. beschreibt die Geschäftsstrategien von Technologiekonzernen wie Alphabet und Amazon. „Retail Outlets Using Telehealth Pose Significant Policy Questions For Health Care“ von Keisuke Nakagawa, Joseph Kvedar und Peter Yellowlees untersucht die Integration von Telehealth in Einzelhandelsstrukturen, resultierende Marktkonsolidierung sowie regulatorische Fragen zu Datenschutz, Privatsphäre und Anbieterunabhängigkeit.

Indirekte Zugangswege (B2B-Modelle)

  1. Krankenhauszukunftsgesetz (KHZG):
    • Finanzierung von Digitalisierungsprojekten in Krankenhäusern (z. B. elektronische Patientenakten, IT-Sicherheit).
  2. White-Label-Lösungen:
    • Anpassung digitaler Produkte an die Markenidentität der Kunden, z. B. für Krankenversicherungen oder Pflegeeinrichtungen.
  3. Anything-as-a-Service (XaaS):
    • Cloud-basierte IT-Dienstleistungen für Stakeholder im Gesundheitswesen (z. B. SaaS, PaaS).
  4. IT-Service-Provider:
    • Langfristige Bereitstellung von IT-Diensten für Krankenkassen und andere Akteure (z. B. Digitalisierung von Prozessen).
  5. Modulare Funktionsangebote:
    • Dienste wie Trust-Service-Provider (z. B. digitale Signaturen) oder Datenaggregatoren.

Entwicklungsprozess

Entwicklungsprozess Grafik

Die Studie mit dem Titel „A Human-Centered Approach for a Student Mental Health and Well-Being Mobile App: Protocol for Development, Implementation, and Evaluation“ beschreibt die Entwicklung und Evaluation einer mobilen App namens Willo, die die psychische Gesundheit und das Wohlbefinden von Studierenden an der Universität verbessern soll. Dabei wurde ein nutzerzentrierter Ansatz gewählt, bei dem Studierende aktiv in den gesamten Prozess eingebunden wurden. Ziel der App ist es, die Nutzung von campusinternen Unterstützungsangeboten zu fördern und durch die Integration mit elektronischen Gesundheitsakten eine bessere Koordination der Versorgung zu ermöglichen. Die Studie umfasst eine umfassende Evaluation mittels Umfragen, App-Nutzungsanalysen sowie qualitativen Interviews und Fokusgruppen, um Wirksamkeit, Akzeptanz und Nachhaltigkeit der App zu prüfen. (Gholami u. a. 2025)

Beispiele

Übersicht Forschungsprojekte
Forschungsprojekt URL
Neue Versorgungsformen innovationsfonds.g-ba.de
Blog3 blog3.de
Übersicht Initiativen
Initiative URL
AdAM steht für „Anwendung für digital unterstütztes Arzneimitteltherapie-Management“ teledermatologie.infokom.de
RP-DOC rpdoc.de
PAVK-TEGECOACH innovationsfonds.g-ba.de
Veovita veovita.de

Wettbewerbe

Digimanagerin

Die Fortbildung „Digi-ManagerIn“ der KVWL qualifiziert nichtärztliches Praxispersonal in Westfalen-Lippe zu Digitalisierungsbeauftragten. Sie umfasst 205 Stunden und wird in Kooperation mit der Ärztekammer Westfalen-Lippe und der Universität Witten/Herdecke durchgeführt. Theoretische Module behandeln Datenschutz, Telematikinfrastruktur und digitale Kommunikation. Praktische Anwendungen finden in der digitalen Musterpraxis „dipraxis“ statt. Teilnehmende erstellen eine praxisindividuelle Digitalisierungsstrategie mit dem KVWL-Reifegradmodell. Praxen erhalten 5.000 Euro Aufwandsentschädigung für die Freistellung. Das Programm startete im April 2023 und wird ab 2025 zweimal jährlich angeboten. In Baden-Württemberg bietet die Landesärztekammer mit der MAK und dem Bosch Digital Innovation Hub ein Blended-Learning-Seminar „Digi-Managerin (Arztpraxis)“ an. Es richtet sich an medizinisches Fachpersonal, umfasst 40 Unterrichtseinheiten über fünf Tage in Stuttgart und kostet 298 Euro. Weitere Informationen gibt es unter www.aerztekammer-bw.de. Andere Bundesländer bieten derzeit keine vergleichbare Fortbildung mit diesem Titel an. Ähnliche Weiterbildungen zur Digitalisierung existieren jedoch deutschlandweit. kv-innovationsscout.de/projekt/digi-managerin aerztekammer-bw.de/digi-managerin kvwl.de/themen-a-z/digi-managerin kvbawue.de/kvbw/aktuelles/news-artikel/neues-mak-seminar-digi-managerin

Referenzpraxis

Die Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL) präsentiert mit der „dipraxis“ eine Ausstellung zur Digitalisierung im Gesundheitswesen. In dieser Beispielpraxis können Vertragsärzte und -psychotherapeuten digitale Tools wie Online-Terminbuchungen, digitales Patientenmanagement und Telematikinfrastruktur-Anwendungen direkt testen und Fortbildungspunkte sammeln. Die KVWL bietet neutrale, herstellerunabhängige Beratung, zeigt auf Touchscreens Datenanalysen und teilt Erfahrungsberichte von Kollegen. Ähnlich unterstützt die KV Berlin mit der „DEMO E-Health Showpraxis“ Praxisteams durch interaktive Einblicke in digitale Lösungen, die Praxisabläufe optimieren, die Zusammenarbeit fördern und die Patientenversorgung verbessern. Termine für beide Showrooms sind online buchbar. Die KV Brandenburg fördert digitale Referenzpraxen mit monatlich 1.000 Euro, um praxistaugliche Innovationen zu testen.

Plattformen

Medxsmart.de ist eine Vergleichsplattform, die speziell für digitale Tools in Arztpraxen entwickelt wurde. Sie bietet Ärztinnen und Ärzten die Möglichkeit, verschiedene Lösungen zu durchsuchen und zu vergleichen, um die Digitalisierung ihrer Praxis zu optimieren.

Die Open Healthcare Alliance (OHA) ist ein Netzwerk, das sich darauf konzentriert, die digitale Gesundheitsversorgung voranzutreiben. Es fördert die Zusammenarbeit und den Austausch zwischen verschiedenen Akteuren im Gesundheitssektor, um innovative, interoperable Lösungen zu entwickeln und zu implementieren.

Solutionfinder.health ist eine Plattform, die Health IT Lösungen für Gesundheitsdienstleister zusammenführt. Sie bietet eine zentrale Anlaufstelle, um digitale Tools und Services zu entdecken, die für spezifische Bedürfnisse im Gesundheitswesen geeignet sind, und somit die Auswahl und Implementierung dieser Lösungen erleichtert.

United Web Solutions ist ein Verband, der sich darauf spezialisiert hat, die Digitalisierung im Gesundheitswesen durch maßgeschneiderte IT-Lösungen voranzutreiben. Er bietet Krankenhäusern und MVZ die Möglichkeit, durch die Kombination verschiedener Expertenlösungen ihre Arbeitsprozesse zu optimieren und effizienter zu gestalten.

healthon.de ist eine Informations- und Qualitätsplattform für Gesundheits-Apps in Deutschland, die Verbraucher und Fachöffentlichkeit über Trends und Entwicklungen in der digitalen Gesundheit informiert. Sie bewertet Gesundheits-Apps, Medizin-Apps und Digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA) anhand eines Ehrenkodex, bietet Testberichte, Marktanalysen und Statistiken wie das DiGA-Dashboard, um Transparenz zu schaffen.

Das KV-Appradar ist ein Informationsportal des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung (Zi), das seit 2021 Fachinformationen zu über 3.400 Gesundheits-Apps und Digitalen Gesundheitsanwendungen (DiGA) bietet, um Ärzt:innen, Psychotherapeut:innen und Patient:innen bei der Orientierung im App-Markt zu unterstützen. Sie kategorisiert Apps in etwa 60 Themenbereiche, liefert Bewertungen, Downloadzahlen und unterscheidet sich von App-Stores durch medizinische Relevanz und Diagnoseinformationen.

Mindapps beinhaltet die Mobile Health Index and Navigation Database (MIND), eine interaktive Plattform, die dabei hilft, Apps für mentale Gesundheit und Gehirnfunktionen zu finden, die individuellen Bedürfnissen und Vorlieben entsprechen. Nutzer können Apps nach Kriterien wie Datenschutz, Kosten (inklusive kostenloser Optionen), wissenschaftlicher Evidenz und Nutzerfreundlichkeit durchsuchen, um die passende Anwendung für sich zu identifizieren. Die Datenbank richtet sich an alle, die mentale Gesundheits-Apps suchen, und bietet eine Vielzahl von Kategorien wie Apps gegen Depressionen, Angstzustände oder Stress. Sie wird als gemeinnütziges Projekt ohne Werbung präsentiert und zielt darauf ab, personalisierte Lösungen für psychisches Wohlbefinden zu fördern.

DigaDocs bietet Informationen zu Digitalen Gesundheitsanwendungen (DiGA) in Deutschland, die seit Ende 2019 auf Rezept verschrieben werden können. Die Plattform richtet sich an Patienten sowie ärztliches und therapeutisches Personal und stellt Testberichte, Übersichten zu zugelassenen DiGAs und wissenschaftliche Einschätzungen bereit.

Offener Quelltext

Open-Source-Software ist in ambulanten Arztpraxen bisher wenig verbreitet, während sie in anderen Bereichen des Gesundheitswesens, insbesondere in Gesundheitsämtern, zunehmend an Bedeutung gewinnt. In Arztpraxen dominieren proprietäre Praxisverwaltungssysteme, da diese oft spezialisierte Funktionen für Abrechnung, Dokumentation und Telematikinfrastruktur bieten. Open-Source-Lösungen wie OpenEMR oder Thera-Pi existieren zwar, werden aber vergleichsweise selten genutzt, da viele Praxen auf zertifizierte, kommerzielle Software angewiesen sind und Wechselbarrieren hoch sind. Im Gegensatz dazu haben Gesundheitsämter in den letzten Jahren verstärkt auf Open Source gesetzt. Ein prominentes Beispiel ist SORMAS, das in vielen deutschen Gesundheitsämtern zur digitalen Kontaktnachverfolgung während der COVID-19-Pandemie eingesetzt wurde. Auch das Open-Source-Projekt Agora zeigt, dass öffentliche Stellen zunehmend auf offene, transparente Softwarelösungen setzen.

Der medatixx-HealthHub ist ein digitales Ökosystem, das Praxen und Gesundheitsdienstleister durch moderne FHIR-Standards nahtlos vernetzt. Es ermöglicht Softwareanbietern, ihre Lösungen sicher und standardisiert in die medatixx-Praxissoftware zu integrieren, während Praxen aus einem Marktplatz digitaler Anwendungen wählen können, um Prozesse effizienter zu gestalten. Die Plattform fördert Zusammenarbeit, verbessert Kommunikation und unterstützt die Digitalisierung im Gesundheitswesen, wobei Sicherheit durch einen Akkreditierungs- und Testprozess gewährleistet wird.

Zertifizierung Digitaler Anwendungen

Gesundheits-Apps bilden die Mehrheit der verfügbaren Anwendungen und umfassen ungeschützte Begriffe wie Lifestyle-Apps (z. B. Fitness-Tracker) oder serviceorientierte Apps, die keine medizinischen Zwecke verfolgen, sondern Informationen und Organisation unterstützen. Digitale Medizinprodukte hingegen sind CE-gekennzeichnete Anwendungen, die nach EU-Medizinprodukteverordnung (MDR) registriert sind und gezielt Krankheiten erkennen, behandeln oder Patienten zu einem gesundheitsförderlichen Leben begleiten. DiGA (Digitale Gesundheitsanwendungen) sind eine spezielle Unterkategorie digitaler Medizinprodukte, die zusätzlich vom BfArM auf Sicherheit, Qualität und Wirksamkeit geprüft werden, einen positiven Gesundheitsnutzen nachweisen müssen und als „Apps auf Rezept“ erstattungsfähig sind, wenn sie ärztlich verschrieben oder direkt über die Krankenkasse bei Diagnose beantragt werden.

Der DiGA-Analyzer von fbeta ist ein Analysetool, das Daten des DiGA-Verzeichnisses des BfArM strukturiert, visuell aufbereitet und im Verlauf einordnet. Er bietet interaktive Charts und Einblicke zu Markttrends, Evidenznarrativen und der Verzeichnis-Historie, um Marktlücken zu identifizieren und strategische Entscheidungen im Bereich Digitaler Gesundheitsanwendungen (DiGA) zu unterstützen. Die quartalsweise aktualisierten Daten basieren auf dem Bundesanzeiger und ermöglichen nutzerdefinierte Analysen für Markteinblicke.

Die Studie von Shaheen E. Lakhan, veröffentlicht im Mai 2025 in Cureus, stellt den Composite Digital Therapeutic Index (cDTI) vor, ein Rahmenwerk zur Bewertung von verschreibungspflichtigen digitalen Therapeutika (PDTs). Der cDTI kombiniert vier Domänen – Wirksamkeit, Engagement, Evidenzqualität und Sicherheit – zu einem einzigen Score, um von der FDA zugelassene PDTs zu vergleichen. Der cDTI bietet ein transparentes, reproduzierbares Werkzeug für Stakeholder, mit Plänen zur Erweiterung um Real-World-Daten und weitere Domänen wie Gerechtigkeit und Kosteneffizienz. (Lakhan 2025)

Die Studie „Evolving Digital Health Technologies: Aligning With and Enhancing the National Institute for Health and Care Excellence Evidence Standards Framework“ analysiert die aktuellen NICE-Rahmenbedingungen zur Bewertung digitaler Gesundheitstechnologien (DHTs). Sie zeigt auf, dass der bestehende Evidence Standards Framework (ESF) für DHTs, insbesondere für KI-gestützte Diagnostik und Wearables, aufgrund seiner statischen Evidenzanforderungen und mangelnden Integration von Real-World-Daten den Anforderungen sich rasch entwickelnder Technologien nicht gerecht wird. Die Autoren empfehlen eine dynamische, iterative Weiterentwicklung des ESF, die modulare Evaluationsprozesse, regulative „Sandboxen“, gemeinsame Datenplattformen und Co-Design von Evidenzstrategien beinhaltet, um Innovationen sicher und schneller in das Gesundheitssystem zu integrieren und so bessere Patientenergebnisse zu fördern. (Bahadori u. a. 2025)

DiGA

Die Studie „Patient Acceptance of Prescribed and Fully Reimbursed mHealth Apps in Germany: An UTAUT2-based Online Survey Study“ untersucht die Akzeptanz von mobilen Gesundheitsanwendungen (mHealth) in Deutschland. Sie analysiert die Bereitschaft der Patienten, solche Apps zu nutzen, und identifiziert Einflussfaktoren wie Leistungserwartung, Selbsteffizienz und Einstellung. Basierend auf einer Online-Umfrage mit 1051 Teilnehmern zeigt die Studie eine hohe Nutzungsbereitschaft (76 %), besonders bei staatlich zertifizierten Apps, während nur 27 % bereit sind, diese selbst zu bezahlen. Die Ergebnisse betonen die Notwendigkeit, negative Vorurteile frühzeitig abzubauen und die Vorteile von mHealth-Apps klar zu kommunizieren. (Uncovska u. a. 2023a)

Die Studie „Rating analysis and BERTopic modeling of consumer versus regulated mHealth app reviews in Germany“ untersucht, wie Nutzer in Deutschland verschreibungspflichtige und von der Krankenkasse erstattete Gesundheits-Apps (DiGAs) im Vergleich zu frei erhältlichen mHealth-Apps bewerten und erleben. Analysiert wurden über 17.000 deutsche App-Bewertungen aus den App-Stores; dabei zeigt sich, dass DiGAs seit ihrer Einführung insgesamt besser bewertet werden und vor allem für ihren Kundenservice und die Personalisierung gelobt werden. Gleichzeitig äußern Nutzer von DiGAs Kritik an Softwarefehlern und einer umständlichen Anmeldung, während bei nicht-regulierten Apps vor allem hohe Preise und Abofallen kritisiert werden. Die Ergebnisse unterstreichen die Bedeutung von Nutzererfahrungen für die Akzeptanz digitaler Gesundheitsanwendungen und legen nahe, dass diese stärker in Zulassungsprozesse integriert werden sollten. (Uncovska u. a. 2023b)

Die Studie „Negotiating pricing and payment terms for insurance covered mHealth apps: a qualitative content analysis and taxonomy development based on a German experience“ untersucht die Verhandlungsprozesse rund um Preis- und Zahlungsmodelle für gesetzlich erstattete digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA) in Deutschland. Auf Basis von Experteninterviews mit Vertretern von App-Anbietern und Krankenkassen analysiert die Studie Interessenlagen beider Seiten und entwickelt eine Taxonomie möglicher Preismodelle für erstattungsfähige mHealth-Apps. Die Ergebnisse zeigen, dass wertbasierte und nutzungsbasierte Preismodelle von beiden Seiten als besonders relevant angesehen werden, während Transparenz und Patientennutzen als zentrale Leitprinzipien für künftige Vergütungsmodelle hervorgehoben werden. (Freitag, Fehring, u. a. 2024)

Die Studie “Cost-effectiveness analysis of mHealth applications for depression in Germany using a Markov cohort simulation” untersucht die Wirtschaftlichkeit von digitalen Gesundheitsanwendungen (DiGA) zur Behandlung von Depressionen in Deutschland. Mithilfe eines Kohorten-basierten Markov-Modells wurde analysiert, wie sich der Einsatz von DiGA im Vergleich zur Standardversorgung auf Kosten und gesundheitsbezogene Lebensqualität (QALY) über einen Zeitraum von fünf Jahren auswirkt. Die Ergebnisse zeigen, dass DiGA bei depressiven Patient*innen zwar zu einer leichten Verbesserung der Lebensqualität führen, jedoch mit zusätzlichen Kosten verbunden sind und unter den aktuellen Preisstrukturen nicht kosteneffektiv für das deutsche Gesundheitssystem sind. (Freitag, Uncovska, u. a. 2024)

Die Studie mit dem Titel „Health Care Effects and Evidence of DiGA: A Systematic Review of Studies Submitted to the German Federal Institute for Drugs and Medical Devices“ analysiert alle Studien, die Hersteller von digitalen Gesundheitsanwendungen (DiGA) in Deutschland eingereicht haben, um den Nachweis positiver Versorgungseffekte zu erbringen. Dabei liegt der Fokus auf der Bewertung der gesundheitlichen Wirksamkeit und der Robustheit der vorgelegten Evidenz dieser digitalen Anwendungen. Ziel ist es, die Qualität der Studien zu prüfen und zu beurteilen, wie gut DiGA tatsächlich die Patientenversorgung verbessern können. (Sippli u. a. 2025)

Die Stellungnahme „Digitale Gesundheitsanwendungen“ vom 20. Oktober 2025 der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin e.V. behandelt die aktuelle Situation, Entwicklung und Herausforderungen bei der Integration von Digitalen Gesundheitsanwendungen (DiGA) in die Regelversorgung in Deutschland. In dem Dokument werden unter anderem positive Effekte und bestehende Evidenzlücken thematisiert, die Bedeutung klinischer Studien hervorgehoben und die Notwendigkeit gezielter öffentlicher Förderprogramme betont, um eine nachhaltige wissenschaftliche Fundierung sowie Kostensenkung bei digitalen Innovationen sicherzustellen. Die Stellungnahme unterstreicht, dass strukturierte Fördermechanismen und ein Umdenken im Umgang mit DiGA erforderlich sind, damit digitale Lösungen langfristig in der evidenzbasierten Versorgung verankert werden können.

Der „Abschlussbericht der E-Verordnung DiGA-Pilotierung TI-Modellregion Hamburg und Umland“ beschreibt die unter Realbedingungen durchgeführte Erprobung der elektronischen Verordnung digitaler Gesundheitsanwendungen über den E‑Rezept‑Fachdienst in einer Modellregion zwischen Mai und September 2025. Im Fokus stehen die technische Funktionsfähigkeit in verschiedenen Praxisverwaltungssystemen, die Prozessabläufe zwischen Leistungserbringenden, Krankenkassen und E‑Rezept‑Infrastruktur sowie die Akzeptanz und Nutzbarkeit für Praxisteams und Versicherte. Der Bericht arbeitet sowohl positive Erfahrungen wie die überwiegend stabile technische Umsetzung als auch Herausforderungen wie einen komplex empfundenen Einlöseprozess, geringe App-Nutzung und Informationsbedarf auf Versichertenseite heraus und leitet daraus konkrete Verbesserungsvorschläge für Technik, Prozesse und Informationsmaterialien ab.

Gründungszentren

Startup-Inkubatoren und -Acceleratoren für digitale Gesundheitsunternehmen unterstützen digitale Lösungen im Gesundheitswesen, indem sie Gründern Ressourcen, Netzwerke und Finanzierung bereitstellen. Flying Health in Berlin verbindet Startups mit etablierten Akteuren der Gesundheitsbranche, bietet strategische Beratung und unterstützt bei der Entwicklung zukunftsfähiger Geschäftsmodelle. Startupbootcamp Digital Health mit Sitz in Berlin beschleunigt junge Unternehmen durch ein intensives Programm, das von Partnern wie Sanofi oder Munich Re unterstützt wird, und hat Erfolge wie BOCAhealth (Hydrationsmessung) vorzuweisen. G4A Health, initiiert von Bayer, bietet Startups bis zu 100.000 Euro, 100 Tage Co-Working-Space und Mentoring, wobei seit 2013 über 150 digitale Gesundheitsfirmen gefördert wurden, darunter Okko Health (Augen-Biomarker). Speedinvest, ein europäischer Venture-Capital-Fonds, investiert in frühe Phasen digitaler Gesundheitslösungen und bietet neben Kapital auch strategische Unterstützung. Bosch Health Campus in Stuttgart fördert interdisziplinäre Innovationen im Gesundheitsbereich mit Fokus auf Forschung und Kooperationen. Hubs Sidepreneur listet verschiedene deutsche Inkubatoren auf, die teils auch Health-Startups unterstützen, wobei der Fokus jedoch breiter gefasst ist. Diese Programme unterscheiden sich in ihrer Ausrichtung – von praxisnaher Frühentwicklung bis hin zu langfristiger Forschungskooperation – und tragen gemeinsam dazu bei, die Digitalisierung im Gesundheitswesen voranzutreiben.

Veranstaltungsformate

Die Ideenkampagne ADRENALIN@UKSH startete 2021 am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein mit dem Ziel, Mitarbeitende aktiv in die Zukunftsgestaltung einzubinden. Für ambulante Praxen ist dabei besonders relevant, dass der Erfolg digitaler Innovationen von einer offenen internen Kommunikation und dem Engagement des Teams abhängt. Über eine ganzheitliche Strategie, die technische Lösungen mit sozialen und organisatorischen Faktoren verbindet, lassen sich digitale Technologien in den Praxisalltag integrieren. Hackathons bringen interdisziplinäre Teams zusammen, um komplexe Probleme des Gesundheitswesens kreativ zu lösen. Sie fördern den Wissenstransfer zwischen Forschung, Wirtschaft und Praxis, treiben technologische und organisatorische Innovationen voran und stärken durch Kooperationen.

Praxisgründung Simulator

Praxisraum ist ein innovatives Planspiel, das angehende Ärztinnen und Ärzte spielerisch auf den Aufbau und die Organisation einer Vertragsarztpraxis vorbereitet. Unter www.praxisraum.de können Nutzer ein Serious Game erleben, das durch Gamification-Elemente wie Avatar-Auswahl, praxisnahe Entscheidungen und Herausforderungen motiviert. Ziel ist es, Wissenslücken zu schließen und Berührungsängste abzubauen, indem realitätsnahe Daten in eine interaktive, motivierende Spielumgebung eingebettet werden.

Institutionalisierung

In Deutschland haben sich mehrere Institute gebildet, die sich der digitalen Medizin widmen:

Das Kompetenzzentrum für Telemedizin und E-Health Hessen (KTE Hessen) fördert die Digitalisierung im deutschen Gesundheitswesen durch individuelle und praxisorientierte Unterstützung. Es bietet Dienstleistungen wie fachliche Beratung, Fortbildungen, Netzwerkveranstaltungen und Begleitung von Forschungsprojekten an. Zudem stellt es regelmäßig aktualisierte Informationen über Digi-Infos bereit und unterstützt bei Themen wie Datenschutz und Datensicherheit. Über Newsletter und Social-Media-Kanäle wie X/Twitter informiert das Zentrum über aktuelle Entwicklungen und Veranstaltungen, darunter der E-Health-Salon 2025.

TI – Pop-Up Store Würzburg erläutert die Telematikinfrastruktur (TI) praxisnah. Im Pop-Up Store können Besucher:innen digitale Gesundheitsanwendungen wie die elektronische Patientenakte (ePA) oder den TI-Messenger interaktiv erleben. Es gibt Beratung, Veranstaltungen für Fachleute und Bürger:innen sowie Vor-Ort-Hilfe zur TI.

Studienangebote im Bereich Digital Health und Medizininformatik in Deutschland:

Das Bayerische Forschungsinstitut für Digitale Transformation (bidt) ist ein Institut der Bayerischen Akademie der Wissenschaften mit Sitz in München. Es wird vom Bayerischen Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst gefördert und widmet sich der interdisziplinären Erforschung der digitalen Transformation in Gesellschaft, Wirtschaft und Politik. Das bidt analysiert Entwicklungen wie Künstliche Intelligenz, digitale Kompetenzen und Vertrauen im digitalen Wandel, fördert den Dialog zwischen Wissenschaft, Politik, Wirtschaft und Gesellschaft und stellt alle Publikationen open access zur Verfügung. Zu seinen zentralen Formaten gehören das jährliche Digitalbarometer, Konferenzen sowie Forschungsprojekte zu Themen wie digitaler Öffentlichkeit, Arbeitswelt und Verantwortung.

Versorgungsmodelle

Die Arbeit „Digital requirements for new primary care models“ untersucht die Veränderungen in der Primärversorgung aufgrund demografischer Entwicklungen, komplexer Patientenbedürfnisse und politisch-finanzieller Zwänge. Sie beleuchtet aufkommende Trends wie Integration, proaktive Versorgung und verbesserten Zugang zu Gesundheitsdiensten, die durch Technologien wie gemeinsame elektronische Patientenakten, Telemedizin und Patientenportale unterstützt werden. Sechs Fallstudien zeigen, wie innovative Organisationen diese Technologien nutzen, um neue Arbeitsweisen zu etablieren. Die Arbeit diskutiert zudem lokale und nationale Hindernisse, wie fehlende Interoperabilität und Finanzierungsprobleme, und schlägt priorisierte Technologien wie elektronische Gesundheitsakten und Telemedizin vor, um diese Herausforderungen zu überwinden. (Castle-Clarke u. a. 2016)

Die Drogeriekette dm baut seit 2025 ihr Angebot im Bereich Gesundheitsvorsorge aus und bietet neben Eigenmarken-Selbsttests auch KI-gestützte Haut-, Augen- und Blutchecks an. Während dm den Nutzen für Prävention und Eigenverantwortung der Kunden betont, kritisieren Ärzteverbände das Vorgehen als medizinisch unsicher, nicht standardisiert und potenziell belastend für das Gesundheitssystem. Befürworter dagegen sehen die Initiativen als Chance, mehr Wettbewerb in die Gesundheitsversorgung zu bringen und bestehende Strukturen zu öffnen. (Dölger 2025; Enninga 2025; Dierig u. a. 2025)

Medizinische Zukunftsforschung

Die Studie „Exploring the Need for Medical Futures Studies: Insights From a Scoping Review of Health Care Foresight“ untersucht, wie Methoden der Zukunftsforschung bisher im Gesundheitswesen eingesetzt werden. Die Autoren zeigen anhand einer systematischen Übersichtsarbeit, dass bisher nur wenige der verfügbaren Foresight-Methoden genutzt werden und es an strukturierten Vorgehensweisen für deren Anwendung in der Medizin fehlt. Die Studie betont die Notwendigkeit, „Medical Futures Studies“ als eigenständiges wissenschaftliches Teilgebiet zu etablieren, um innovative, interdisziplinäre und partizipative Zukunftsplanung im Gesundheitswesen zu fördern. Abschließend empfehlen die Autoren u.a. die Gründung einer spezialisierten Fachzeitschrift, die Integration von Zukunftsmethoden in medizinische Curricula sowie die Einbindung von erfahrenen Futuristen in strategische Entscheidungsprozesse. (Meskó u. a. 2024)

„A Practical Guide to Using Futures Methods in Health Care: Approaches, Applications, and Case Studies“ ist ein wissenschaftlicher Artikel, der 2025 im Journal of Medical Internet Research erschienen ist. Die Autoren um Bertalan Meskó vom Medical Futurist Institute stellen darin gängige Futures-Methoden wie Futures Wheel, Scenario Analysis, Backcasting, Horizon Scanning, Technology Assessment, Policy Analysis und die Delphi-Methode vor. Der Text erläutert systematisch deren Grundprinzipien, praktische Anwendungsmöglichkeiten und konkrete Fallbeispiele aus dem Gesundheitswesen, darunter Analysen zu COVID-19-Folgen, Präzisionsmedizin, Alterung und digitaler Gesundheit. Ziel des Beitrags ist es, Medizinern, Forschern, Entscheidungsträgern und Institutionen ein methodisches Werkzeug an die Hand zu geben, um zukünftige Entwicklungen strukturiert zu antizipieren, anstatt sich auf subjektive Einschätzungen zu stützen, und so eine proaktive, resilientere Gesundheitsversorgung zu fördern.

„Anticipating emerging medical technologies: The start of an international horizon scanning tool for medical devices“ ist ein wissenschaftlicher Artikel, der 2024 in der Zeitschrift Futures (Volume 156) erschienen ist. Die Autoren Renee Else Michels, Martinus Bertram de Graaff, Payam Abrishami und Diana Maria Johanna Delnoij untersuchen die Entstehung eines internationalen Horizon-Scanning-Tools für Medizinprodukte innerhalb der International Horizon Scanning Initiative (IHSI) Medical Devices Working Group, einer vorwiegend europäischen Zusammenarbeit. Der Beitrag analysiert anhand des Konzepts der anticipatory governance und der micro-regimes of anticipation die Erwartungen der Beteiligten, identifiziert vier miteinander verknüpfte Mikro-Regime (u. a. mit Fokus auf Health Technology Assessment, Regulierung und Zusammenarbeit) und zeigt Dominanz eines pharmazeutisch geprägten, linearen Ansatzes. Er betont die Notwendigkeit größerer Reflexivität über Zukunftsannahmen, Unsicherheiten und Stakeholder-Integration, um die Governance neuartiger Medizintechnologien effektiver und verantwortungsvoller zu gestalten.

Organisatorische Vision (OV)

Die Studie „How Do Doctors Perceive the Organizing Vision for Electronic Medical Records? Preliminary Findings from a Study of EMR Adoption in Independent Physician Practices“ untersucht, wie Ärzte in unabhängigen Praxen die organisatorische Vision (OV) für elektronische Patientenakten (EMR) wahrnehmen. Durch eine Umfrage unter diesen Praxen wird die Rolle dieser Vision bei der Akzeptanz und Nutzung von EMR-Technologien erforscht. Mittels Faktorenanalyse werden die strukturellen Eigenschaften und Inhalte der OV analysiert. Die Studie trägt zur Forschung bei, indem sie die Anwendbarkeit des OV-Konzepts auf Innovationen im Gesundheitswesen untersucht. (Reardon und Davidson 2007)

Zwillingstransformation (Twin Transformation)

Die Studie „Digital Health: Eine grüne Zukunft für das Gesundheitswesen?“ untersucht, wie digitale Innovationen wie Telemedizin, digitale Diagnostik und künstliche Intelligenz dazu beitragen können, das Gesundheitswesen nachhaltiger und effizienter zu gestalten. Dabei werden sowohl die Herausforderungen durch den hohen Energieverbrauch dieser Technologien als auch die Chancen einer gleichzeitigen digitalen und nachhaltigen Transformation – der sogenannten „twin transformation“ – thematisiert. Anhand von Beispielen aus der Urologie zeigt die Studie, wie digitale Gesundheitslösungen personalisierte Medizin fördern und gleichzeitig ökologische Ziele unterstützen können. Die Autoren betonen, dass technologische, organisatorische und gesellschaftliche Veränderungen notwendig sind, um ein klimafreundliches und zukunftsfähiges Gesundheitssystem zu etablieren. (Adler u. a. 2025)

Die Studie mit dem Titel „The Urgency of Environmentally Sustainable and Socially Just Deployment of Artificial Intelligence in Health Care“ thematisiert die dringende Notwendigkeit, Künstliche Intelligenz im Gesundheitswesen umweltfreundlich und sozial gerecht einzusetzen. Sie zeigt auf, dass der Einsatz von generativer KI den ökologischen Fußabdruck des Gesundheitssektors erheblich erhöht, insbesondere durch hohen Energie-, Wasserverbrauch und Elektroschrott. Die Autor:innen betonen, dass nachhaltige Praktiken und regulatorische Maßnahmen nötig sind, um Umweltbelastungen zu reduzieren und soziale Ungerechtigkeiten im Zugang und der Nutzung von KI-Technologien zu vermeiden. Dabei wird ein ausgewogener Einsatz von KI gefordert, der klinischen Nutzen mit Umwelt- und Gerechtigkeitsaspekten verbindet. (Osmanlliu u. a. 2025)

Das Buch „Plattformökonomie im Gesundheitswesen“ mit dem Untertitel „Health-as-a-Service – Digitale Geschäftsmodelle für bessere Behandlungsqualität und Patient Experience“ wurde 2023 veröffentlicht von Christian Stummeyer, Andrea Raab und Moritz Erasmus Behm herausgegeben. Es adressiert als erstes Werk am Markt Health-as-a-Service-Geschäftsmodelle im Gesundheitssektor und beleuchtet, wie digitale Plattformen und datengetriebene Angebote die Behandlungsqualität verbessern, die Patientenerfahrung steigern sowie Effizienz und Kostensenkungen fördern können. Der Band umfasst Beiträge von Autoren aus Wissenschaft und Praxis, behandelt Grundlagen der Plattformökonomie, Erfolgsfaktoren, Marktplätze und den Einsatz von Künstlicher Intelligenz als Enabler. Mit 328 Seiten und 94 Abbildungen dient es als Leitfaden für Leistungsanbieter im Gesundheitswesen.

Die Studie „Sustainable value generation from digital health investments: lessons from EU-funded projects preceding the European health data space“ (International Journal of Medical Informatics, Volume 206, February 2026) analysiert die langfristige Zugänglichkeit der Ergebnisse von 31 EU-geförderten Projekten zur grenzüberschreitenden eHealth-Interoperabilität aus den Jahren 2005–2024, in die insgesamt fast 200 Millionen Euro investiert wurden. Die Autoren stellten fest, dass knapp die Hälfte der Projekt-Websites nicht mehr aktiv ist, etwa ein Drittel der Projekte keine peer-reviewed Publikationen hervorgebracht hat und bei vielen Vorhaben die Deliverables weder über die Projektseiten noch umfassend über die EU-Plattform CORDIS dauerhaft verfügbar sind. Die Arbeit entwickelt einen neuen „Academic REACH“-Score zur Bewertung des wissenschaftlichen Impacts und empfiehlt verbindliche Regelungen für Open-Access-Publikationen sowie die systematische Archivierung aller Projektergebnisse mit persistenten Identifikatoren, um Wissensverluste zu vermeiden und die Nachhaltigkeit öffentlich finanzierter Digital-Health-Investitionen – insbesondere im Kontext des European Health Data Space – zu sichern.

Vergütungssystem

Der Artikel „Catalyzing Health AI by Fixing Payment Systems“ wurde am 24. November 2025 in NEJM AI (Volume 2, Issue 12) von Narges Razavian und weiteren namhaften Autoren, darunter Eric J. Topol, veröffentlicht. Er beschreibt sachlich die anhaltende Stagnation der KI-Adoption im Gesundheitswesen trotz vorhandener Daten, klinischem Bedarf und technischer Innovationen. Als Hauptursache werden veraltete und fragmentierte Vergütungssysteme identifiziert, die selbst FDA-zugelassene KI-Tools an der flächendeckenden Einführung hindern. Anhand von Fallbeispielen (z. B. IDx-DR/LumineticsCore, HeartFlow FFRct, Viz.ai LVO) werden die extrem langen Zeiträume (bis zu zehn Jahre) zwischen FDA-Zulassung und stabiler Vergütung aufgezeigt. Der Beitrag analysiert die bestehenden US-amerikanischen Vergütungsmechanismen (CPT-Codes, NTAP, MS-DRG/APC) und ihre strukturellen Schwächen und schlägt konkrete kurzfristige Reformen vor: Vereinfachung und Standardisierung der KI-Codierung, Überwindung des „widespread use“-Dilemmas durch vorläufige Zahlungswege, Kostendeckung für Integrationsaufwand, flexible Preismodelle sowie die Förderung von Wettbewerb und outcome-basierter Vergütung. Abschließend wird die Notwendigkeit prospektiver regulatorischer und vergütungstechnischer Rahmenwerke für generative KI betont.

Der Artikel „Understanding Economic Decision-Making in Digital Therapeutics Development: Qualitative Approach“ von Yoann Sapanel und Kollegen wurde am 16. September 2025 im Journal of Medical Internet Research (Vol 27, e79746) veröffentlicht. Die qualitative Studie mit 17 semistrukturierten Interviews mit Forschenden untersucht, warum ökonomische Überlegungen in der Entwicklung und klinischen Validierung Digitaler Therapeutika (DTx) systematisch vernachlässigt werden. Mithilfe eines kritisch-realistischen Ansatzes und qualitativer Systemdynamik-Modellierung identifizierten die Autoren drei generative Mechanismen: berufliche Normen, die klinische Validierung priorisieren; mangelnde ökonomische Kompetenz durch Ausbildung und Erfahrung sowie Unsichertheiten bei der späteren Adoption, die verstärkende und ausgleichende Feedback-Schleifen erzeugen. Die Ergebnisse erklären die anhaltend geringe Berücksichtigung ökonomischer Faktoren trotz deren bekannter Relevanz und liefern Ansatzpunkte für eine stärkere Integration von Wirtschaftlichkeitsaspekten in den DTx-Entwicklungsprozess.

Der Artikel „Populations and Health Domains Served by Direct-to-Consumer Digital Health Companies in the United States, 2011-2023: Cross-Sectional Study“ (Nagappan et al., JMIR Formative Research, 26. Nov. 2025) untersucht die Entwicklung und Ausrichtung von 478 rein direkt-an-Verbraucher (DTC) ausgerichteten Digital-Health-Unternehmen in den USA. Zwischen 2011 und 2023 wuchsen diese Unternehmen stark, mit einem Höhepunkt von 59 Neugründungen im Jahr 2020; 93 % waren 2023 noch aktiv. Frauen wurden am häufigsten als Zielgruppe angesprochen (14,6 %), gefolgt von Kindern/Jugendlichen (7,5 %) und älteren Erwachsenen (5,2 %), während ländliche oder Medicaid-Populationen sowie LGBTQ-Gruppen nur marginal bedient wurden (jeweils ca. 2 % bzw. 1 %). Die dominierenden Gesundheitsbereiche waren psychische Gesundheit (16,7 %), reproduktive und mutterbezogene Gesundheit (14,9 %) sowie Fitness (14,2 %). Häufig eingesetzte Technologien waren Telemedizin (22,6 %), Wearables/Biosensoren (19,5 %) und KI/Machine Learning (13,2 %). Unternehmen, die benachteiligte Bevölkerungsgruppen (ländlich/Medicaid) adressierten, erhielten deutlich weniger Risikokapital (Median 5 Mio. US-$). Die Studie kommt zu dem Schluss, dass DTC-Digital-Health-Angebote zwar stark wachsen, jedoch vor allem wohlhabendere und urbane Zielgruppen sowie profitable Gesundheitsbereiche bedienen und damit bestehende Ungleichheiten im Gesundheitszugang eher verstärken als abbauen könnten.

Cultural lag

Kultureller Rückstand stellt eine zentrale Barriere für die digitale Transformation im Gesundheitswesen dar, wie in den Studien „Digital Unless?“ Evaluating Digital Transformation in a Dutch Hospital sowie Best Practices in Organizing Digital Transformation: Qualitative Case Study in Dutch Hospital Care hervorgehoben wird. Ein Mangel an digitaler Bereitschaft, Skepsis gegenüber neuen Technologien und fehlende digitale Kompetenzen verzögern und mindern die Implementierung digitaler Innovationen. Besonders Widerstände bei Mitarbeitenden – wie negative Einstellungen, Unsicherheit im Umgang mit digitalen Tools und das Fehlen einer digitalen Lernkultur, wie in der Studie Identification of Factors Influencing the Adoption of Health Information Technology by Nurses Who Are Digitally Lagging beschrieben – behindern die Akzeptanz und Nutzung neuer Lösungen. Eine Organisationskultur, die nicht auf kontinuierliche Weiterbildung, interdisziplinäre Zusammenarbeit und die Einbindung von Endanwendern ausgerichtet ist, verstärkt diesen Rückstand. Erfolgreiche Transformation erfordert gezielte Maßnahmen zur Förderung einer offenen, lernbereiten und innovationsfreundlichen Kultur, etwa durch maßgeschneiderte Schulungen, Peer-Support und aktive Beteiligung von Patienten und Mitarbeitenden. Die Literatur betont, dass kulturelle Faktoren häufig entscheidender für den Erfolg digitaler Initiativen sind als technische oder finanzielle Aspekte. Zusammenfassend gilt kultureller Rückstand als wesentlicher limitierender Faktor, der überwunden werden muss, um die Potenziale der Digitalisierung im Gesundheitswesen auszuschöpfen.

Weiteres

Das Collingridge-Dilemma beschreibt das Steuerungs‑ bzw. Kontrolldilemma moderner Technik: In frühen Entwicklungsphasen digitaler Technologien wie Künstlicher Intelligenz oder automatisiertem Fahren wären Eingriffe in Design und Regulierung relativ leicht möglich, doch gerade dann sind ihre gesellschaftlichen Folgen noch unsicher und schwer abzuschätzen. Später, wenn umfangreiche Erfahrungswerte zu Risiken etwa im Bereich Datenschutz, algorithmischer Diskriminierung oder Machtkonzentration vorliegen, sind diese Technologien bereits tief in sozio‑technische Infrastrukturen, Märkte und Alltagsroutinen eingebettet, sodass substantielle Kurskorrekturen politisch, ökonomisch und technisch nur noch schwer durchsetzbar sind. (“Technology assessment and the governance of automated vehicles: a Collingridge-dilemma or a lack in normative orientation”)

„An Affordable Artificial Intelligence Solution for Intelligent Document Processing of Faxed Documents“ ist ein Fallbeispiel, das am 18. Februar 2026 in NEJM Catalyst Innovations in Care Delivery (Band 7, Ausgabe 3) veröffentlicht wurde. Die Autoren Jared Silberlust, Paul Testa und Kollegen von der New York University Langone Health beschreiben die Entwicklung und den Pilotbetrieb einer kostengünstigen Intelligent Document Processing (IDP)-Lösung auf Basis bestehender Unternehmenstechnologien. Diese nutzt KI zur automatischen Erkennung, Klassifikation, Extraktion relevanter Daten und Zuordnung faxter Dokumente (wie Laborergebnisse, Konsilnotizen oder Genehmigungsanfragen) in das elektronische Patientenaktensystem. Im Pilotzeitraum von August bis Oktober 2025 verarbeitete das System etwa 20.000 Seiten (13.700 Faxe/Scans), wobei 62 % erfolgreich automatisch klassifiziert und weitergeleitet wurden; 38 % erforderten manuelle Nachbearbeitung. Die Betriebskosten lagen bei ca. 1,5 US-Cent pro Seite und damit deutlich unter marktüblichen Angeboten. Die Implementierung erforderte technische Integration, Prozessumgestaltung und intensives Change Management, demonstriert jedoch das Potenzial, administrativen Aufwand zu reduzieren, Genauigkeit zu steigern und die Patientenversorgung zu beschleunigen.

Der Artikel „Systematic Assessment of Modeling Techniques to Support the Conceptual Design of Digital Ecosystems“ untersucht, welche Modellierungskonzepte und -techniken geeignet sind, um die konzeptionelle Gestaltung digitaler Ökosysteme systematisch zu unterstützen. Die Studie wurde von Forschenden des Fraunhofer Institute for Experimental Software Engineering IESE veröffentlicht und erschien beim Verlag MDPI. Auf Grundlage einer Befragung von Expertinnen und Experten sowie einer praxisnahen Aktionsforschung werden relevante Modellierungssichten, Elemente und Prinzipien identifiziert und anschließend fünf etablierte Modellierungstechniken vergleichend bewertet. Die Ergebnisse zeigen, dass keine der untersuchten Techniken alle Anforderungen vollständig abdeckt und dass insbesondere eine integrierte, mehrperspektivische Modellierung für digitale Ökosysteme erforderlich ist. Insgesamt liefert die Arbeit ein Bewertungsframework und konkrete Anforderungen zur Weiterentwicklung geeigneter Modellierungsansätze für die Gestaltung digitaler Plattformökosysteme.

Das Innovationsfondsprojekt „NADI – Nutzen und Akzeptanz von Digital Health“ zeigt die Erfolgsfaktoren für die Digitalisierung von Gesundheitssystemen auf. Das vom Gemeinsamen Bundesausschuss geförderte Projekt analysierte die digitalen Transformationen in neun Ländern, darunter Estland, Dänemark, Saudi-Arabien, Japan und die USA, mit Fokus auf politische, soziokulturelle und organisatorische Prozesse statt einzelner Technologien. Die Ergebnisse verdeutlichen, dass erfolgreiche Digitalisierung durch echten Nutzen für Patienten, minimierte Hürden, hohes Vertrauen der Bevölkerung, digitale Kompetenzen sowie pragmatische, abgegrenzte Lösungen und Kooperationen zwischen öffentlichem und privatem Sektor gelingt. Deutschland könne daraus lernen, anstatt auf einen einzigen großen technischen Wurf zu setzen, um die Digitalisierung des Gesundheitswesens effektiver, schneller und patientenorientierter voranzutreiben.

„Search for a Common Ground in the Fogs of Innovation Definitions“ ist eine wissenschaftliche Arbeit von B.J.G. van der Kooij aus dem Jahr 2017, die an der TU Delft entstanden ist. Der Autor analysiert die Heterogenität zahlreicher Definitionsansätze des Innovationsbegriffs in der Innovationsforschung seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Er identifiziert unterschiedliche Denkrichtungen wie Kombinations-, Veränderungs-, Ergebnis- oder Prozessorientierung und stellt fest, dass trotz vieler Gemeinsamkeiten (insbesondere Veränderung und Neuheit) weiterhin begriffliche Unklarheit besteht. Als Lösungsansatz schlägt van der Kooij eine systemtheoretische, generische Definition vor: Innovation wird als diskontinuierliche, stufenweise Veränderung der Funktion eines Systems (Produkt, Prozess, Organisation oder Wirtschaft) verstanden, die aus menschlicher Aktivität resultiert und abhängig von Perspektive und Bezugspunkt interpretiert wird. Die Arbeit zielt darauf ab, mehr begriffliche Klarheit für Theoriebildung und Innovationspolitik zu schaffen.

„The structure of invention“ (W. Brian Arthur, Research Policy 36, 2007) beschreibt den logischen Aufbau radikaler Erfindungen als rekursiven Problemlösungsprozess. Der Autor zeigt, dass Erfindung grundsätzlich darin besteht, einen Zweck oder Bedarf mit einem nutzbaren Naturphänomen (Effekt) über ein neuartiges Prinzip zu verbinden. Dieser Prozess kann entweder vom unbefriedigenden Bedarf ausgehen und zur Suche nach einem neuen Prinzip führen oder von einem (meist neu entdeckten) Phänomen ausgehen, für das ein Anwendungsprinzip gefunden wird. Die Umsetzung des Prinzips in eine funktionierende Technologie erfordert die Entwicklung oder Kombination geeigneter Bauteile und Hilfstechnologien, die wiederum eigene Probleme aufwerfen – wodurch ein mehrstufiger, oft langwieriger Zyklus aus Problemlösung und Teilproblemlösung entsteht. Arthur betont, dass radikale Neuheit durch die Verwendung eines für den Zweck neuen Basisprinzips entsteht und dass Erfindung stets auf bereits existierenden Bausteinen (Komponenten, Funktionalitäten, früheren Prinzipien) beruht.

„An introductory overview of innovation studies“ ist ein Working Paper von Federica Rossi aus dem Jahr 2002 (veröffentlicht 2008 in der Munich Personal RePEc Archive). Der Text bietet eine breite, disziplinär gegliederte Einführung in die Innovationsforschung mit Schwerpunkt auf ökonomischen und soziologischen Ansätzen. Er definiert Innovation als dynamischen Prozess der Erzeugung, Entwicklung, Adoption und Diffusion neuer Kombinationen in Wirtschaft und Gesellschaft, stellt klassische Definitionen (Schumpeter) sowie Unterscheidungen wie Produkt- vs. Prozessinnovation und radikal vs. inkrementell vor und behandelt anschließend zentrale theoretische Perspektiven: neoklassische Ökonomie, evolutionäre Ökonomie, nationale und sektorale Innovationssysteme, Kompetenztheorie der Unternehmung sowie soziale, historische und kognitive Determinanten technologischen Wandels. Rossi diskutiert außerdem empirische Befunde zu Faktoren wie Appropriierbarkeit, Marktnachfrage, Unternehmensgröße, Wissens-Spillovers und Diffusionsprozessen sowie Konzepte wie Pfadabhängigkeit, technologische Paradigmen und Netzwerke. Der Beitrag endet mit einer Zusammenschau konvergierender Elemente unterschiedlicher Ansätze und plädiert für eine systemische, nicht-lineare Sicht auf Innovationsprozesse.

„Microfoundations of Innovation as Process: Usher’s Cumulative Synthesis Model“ von Raghu Garud und Marja Turunen ist ein Kapitel im Sammelband The Oxford Handbook of Organizational Change and Innovation (herausgegeben von Marshall Scott Poole und Andrew H. Van de Ven, Oxford University Press, 2021). Der Beitrag stellt das vierstufige Modell der kumulativen Synthese von Abbott Payson Usher (Perception of an unsatisfactory pattern, Setting the stage, Primary act of insight, Critical revision and development) als Mikrofundierung für Innovationsprozesse vor, erweitert es um neuere Erkenntnisse und kontrastiert es mit Schumpeters makroökonomischer Perspektive. Die Autoren betonen die nicht-lineare, probabilistische und verteilte Natur von Innovation, die sich aus alltäglichen Akten der Fertigkeit und Einsicht ergibt, und illustrieren dies unter anderem am Beispiel der Entstehung der Post-it-Notes bei 3M. Sie plädieren dafür, Innovation als integralen Bestandteil des Organisierens zu verstehen, anstatt sie als separate Aktivität zu betrachten, und schlagen damit eine Brücke zwischen Exploration und Exploitation in Organisationen.

Der Artikel „Regionally asymmetric knowledge capabilities and open innovation: Exploring ‘Globalisation 2’—A new model of industry organisation“ von Phil Cooke, erschienen 2005 in der Zeitschrift Research Policy (Volume 34, Issue 8, S. 1128–1149), stellt eine kritische Bestandsaufnahme der Debatte über Innovationssysteme dar. Er kontrastiert Ansätze wie das Triple-Helix-Modell und Kritiken am Regionalismus mit dem Konzept regionaler Wissensfähigkeiten. Cooke entwickelt daraus das Modell „Globalisation 2“, das eine von unten nach oben wirkende, wissensgetriebene Globalisierung beschreibt, die auf offener Innovation und asymmetrischen regionalen Wissenskapazitäten basiert und den früheren top-down-Ansatz von „Globalisation 1“ ablöst.

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