Digitale Versorgungsprozesse
Die Studie „Bedarfsanalyse und Fokusgruppenstudie zur regionalen, digitalen Gesundheitsversorgung“ untersucht die Herausforderungen und Lösungsansätze für eine digital gestützte Versorgungssteuerung in Deutschland. Unter der Leitung von Dr. med. Thies Eggers und mit wissenschaftlicher Begleitung von Prof. Jan Appel wurde in einer Community von Digitalisierungspionieren aus verschiedenen Sektoren eine Bedarfsanalyse mit 150 Teilnehmenden sowie Fokusgruppengespräche durchgeführt. Die Studie identifiziert zentrale Probleme wie Fachkräftemangel, wirtschaftliche Engpässe und mangelnde Interoperabilität und entwickelt eine Blaupause für eine akteursneutrale, sektorenübergreifende Versorgungssteuerung. Diese bietet konkrete Handlungsempfehlungen für regionale Kooperationen und betont die Bedeutung von Digitalisierung, intersektoraler Zusammenarbeit und pragmatischen Lösungen, um Versorgungslücken zu schließen.
Das Buchkapitel „Digital-integrierte regionale Versorgungssysteme: Schlüssel für eine nachhaltige Zukunft der Gesundheitsversorgung“ untersucht die Bedeutung einer systematischen Organisation von sozialen, pflegerischen und medizinischen Daten in regionalen Versorgungssystemen. Sie betont, dass die Interoperabilität dieser Daten die Grundlage für effiziente Zusammenarbeit und nahtlosen Datenaustausch zwischen Leistungserbringern und regionalen Koordinatoren wie Gesundheitskiosken bildet. Krankenhäuser können dabei als Leistungserbringer oder Koordinatoren agieren. (Knüttel u. a. 2024)
Das Positionspapier „Versorgung 2040 – Eckpunkte für eine gute, gerechte und gemeinwohlorientierte Gesundheitsversorgung“ des Virchowbundes formuliert Leitlinien und Reformvorschläge für die zukünftige Entwicklung des deutschen Gesundheitswesens bis zum Jahr 2040. Es betont die herausragende Bedeutung einer verlässlichen, wohnortnahen und patientenzentrierten Versorgung als Grundpfeiler des demokratischen und sozialen Staats. Im Mittelpunkt stehen eine Stärkung der ambulanten Strukturen, die Entbudgetierung ärztlicher Leistungen, der Ausbau ärztlicher Freiberuflichkeit sowie eine nachhaltige Finanzierung des Systems. Der Verband fordert eine politische Neuausrichtung zugunsten von Gemeinwohlorientierung, Digitalisierung mit Nutzwert, mehr Studienplätzen für Medizin sowie eine gerechtere Bezahlung von Fachpersonal. Das Papier wurde als Grundsatzprogramm im November 2024 beschlossen und versteht sich als Impulsgeber niedergelassener Ärzte für die gesundheitspolitische Agenda bis 2040.
Das Positionspapier „Fünf Bausteine für die Primärversorgungsreform“ des Bundesverbands Managed Care (BMC) skizziert ein Konzept zur Einführung eines regelhaften und digital erweiterten Primärversorgungssystems in Deutschland. Es sieht vor, die Gesundheitsversorgung durch besser organisierte, koordinierte und digital unterstützte Strukturen effizienter zu gestalten. Zentrale Elemente sind eine standardisierte Erst- und Dringlichkeitseinschätzung, wohnortnahe Primärversorgungseinheiten, ein verbindlicher Terminvermittlungsdienst, ein Digitalisierungsupdate der Versorgungsprozesse sowie eine umfassende, präventiv ausgerichtete Primärversorgung. Die Reform soll Zugänge erleichtern, Koordination stärken und interprofessionelle Zusammenarbeit fördern, um Qualität und Wirtschaftlichkeit der Versorgung nachhaltig zu verbessern.
Forschung
Die Studie „The impact of a combinatorial digital and organisational intervention on the management of long-term conditions in UK primary care: a non-randomised evaluation“ untersucht die Auswirkungen einer kombinierten digitalen und organisatorischen Intervention auf die Behandlung chronischer Erkrankungen in der britischen Grundversorgung. Diese Intervention, die im Rahmen des NHS Test Beds-Programms 2016 in einer Gesundheitsregion in Nordwestengland umgesetzt wurde, kombinierte Risikostratifizierungsalgorithmen, praxisbasierte Qualitätsverbesserungen sowie Telemonitoring und Gesundheitscoaching, um die Versorgung von Patienten mit chronischen Erkrankungen wie COPD, Typ-2-Diabetes und Herzinsuffizienz zu verbessern. Die Evaluierung nutzte administrative Daten aus Krankenhaus- und Primärversorgung und verglich diese mit einer Kontrollregion mittels Differenz-in-Differenz-Analyse. Die Ergebnisse zeigen keinen signifikanten positiven Einfluss auf die primären Zielgrößen wie Krankenhausnutzung, lediglich ein sekundäres Ergebnis wies eine statistisch signifikante Veränderung auf. Die Autoren schließen, dass die Intervention trotz flächendeckender Implementierung keine Verbesserung der Versorgungsergebnisse erzielte, was möglicherweise auf Implementierungsschwierigkeiten zurückzuführen ist. (Lugo-Palacios u. a. 2019)
Die Studie „Impact of digital services on healthcare and social welfare: An umbrella review“ untersucht den Einfluss digitaler Dienstleistungen auf die Gesundheit der Bevölkerung, Kosten, Zufriedenheit von Patienten und Gesundheitsfachkräften sowie fördernde und hemmende Faktoren bei deren Nutzung. Die Untersuchung, die 66 systematische Übersichtsarbeiten umfasst, zeigt, dass digitale Dienste wie Telemedizin und mobile Gesundheitsanwendungen gemischte Auswirkungen auf Gesundheit und Kosten haben, aber eine hohe Patientenzufriedenheit erzielen. Die Zufriedenheit von Fachkräften ist weniger untersucht und zeigt gemischte Ergebnisse. Fördernde Faktoren umfassen benutzerfreundliche Schnittstellen und organisatorische Unterstützung, während technische Probleme, mangelnde digitale Kompetenz und fehlende Finanzierungsstrategien die Nutzung behindern. Weitere Forschung ist notwendig, um langfristige Effekte und die Anwendung im Sozialwesen zu bewerten. (Härkönen u. a. 2024)
Der Gesundheitsreport 2025 der AOK Rheinland/Hamburg beschreibt jährlich die Gesundheitsversorgung im Rheinland und in Hamburg, um Auffälligkeiten, Lücken und Fehlentwicklungen aufzuzeigen und als Grundlage für Diskussionen zur Versorgungsgestaltung zu dienen. In diesem Jahr konzentriert sich der Report auf die ambulante ärztliche Versorgung an der Schnittstelle zwischen Fach- und Hausärzten, wobei er ineffiziente Nutzung knapper Behandlungskapazitäten und Informationsverluste zwischen Krankenhaus, Fach- und Hausarztpraxis deutlich macht. Darüber hinaus bietet er einen umfassenden Überblick über die ambulante und stationäre Versorgung, die Kinder- und Jugendgesundheit sowie die Pflege in den Regionen. (Gesundheitsberichterstattung der AOK Rheinland/Hamburg AOK Rheinland/Hamburg, o. J.)
Versorgungssteuerung
Die Studie mit dem Titel „Improving Mental Health Care Access with Technology: Addressing the Screening-to-Referral Bottleneck“ beschäftigt sich mit der Verbesserung des Zugangs zur psychischen Gesundheitsversorgung durch technologische Innovationen. Sie zeigt, wie große Sprachmodelle und generative KI besonders in den frühen Phasen der Versorgung – wie Screening, Assessments und Behandlungsplanung – helfen können, Barrieren wie Fachkräftemangel und lange Wartezeiten zu überwinden. Dabei ermöglichen diese Technologien eine Automatisierung und Standardisierung der Erstbewertungen, unterstützen Hausärzte und verbinden Forschungserkenntnisse besser mit der Praxis. Ziel ist es, den Zugang zu evidenzbasierten Konzepten zu erweitern und die Versorgung effizienter zu gestalten. (Gorelik u. a. 2025)
„Zukunftsforum “Arztpraxis 2.0 – Moderne Versorgung durch Steuerung, Delegation & Digitalisierung”“ beschreibt den Weg zu einer modernen und zeitgerechten Gesundheitsversorgung. Es behandelt die Delegation in Arztpraxen, die Rolle von nichtärztlichen Gesundheitsberufen und die Möglichkeiten der Digitalisierung sowie von Steuerungselementen. Ein Schlüsselkonzept sind die vorgestellten Regionalen Gesundheitszentren, die eine haus- und fachärztliche Grundversorgung unter einem Dach bieten sollen, insbesondere zur Verbesserung der Versorgung im ländlichen Raum. Das Forum stellt auch drei Partnerpraxen in Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Brandenburg vor, die dieses Modell bereits umsetzen und Einblicke in ihre Erfahrungen mit neuen Berufsbildern wie Physician Assistants und Care/Case Management geben.
Der mobile, smarte und digitale Patient von morgen, wie von Lina Behrens und Ann-Kathrin Weigand beschrieben, übernimmt aktiv die Gestaltung seiner Gesundheitsversorgung. Im Gegensatz zur Boomer-Generation, die traditionell den Hausarzt als zentrale Anlaufstelle nutzt, bevorzugt die Generation Z flexible, alltagstaugliche Lösungen. Der Patient 2.0 setzt auf Komfort, vermeidet lange Wartezeiten und nutzt digitale Tools wie Videosprechstunden und die ePA, um mündiger zu werden, was den Eintritt in die Versorgung zunehmend digital statt ambulant macht. (Henningsen u. a. 2022)
Gesundheitskompetenz
Die Studie „Nationaler Aktionsplan Gesundheitskompetenz. Die Gesundheitskompetenz in Deutschland stärken“ wurde von einem interdisziplinären Expertenteam entwickelt und zeigt auf, dass über die Hälfte der Bevölkerung in Deutschland eine eingeschränkte Gesundheitskompetenz aufweist, was bedeutet, dass viele Menschen Schwierigkeiten haben, gesundheitsrelevante Informationen zu finden, zu verstehen und sinnvoll anzuwenden. Um diesem gesellschaftlichen Problem zu begegnen, formuliert der Aktionsplan 15 konkrete Empfehlungen in vier zentralen Handlungsfeldern, um die Gesundheitskompetenz systematisch zu stärken – sowohl im Bildungssystem und Alltag als auch im Gesundheitssystem selbst. Ziel ist, die Eigenverantwortung der Menschen für ihre Gesundheit zu fördern und gleichzeitig die Rahmenbedingungen entsprechend zu verbessern.
Die Studie „HackHealth“ beschäftigt sich mit der Förderung von Gesundheitskompetenz und digitaler Informationskompetenz bei Jugendlichen. Das Programm stellt eine Reihe von Unterrichtsmodulen zur Verfügung, die darauf abzielen, das Gesundheitswissen, die digitale Kompetenz und das Selbstwirksamkeitsgefühl der Teilnehmer gezielt zu stärken. Die Module können flexibel im Unterricht eingesetzt werden. Laut Rückmeldungen hatte HackHealth, das bislang an drei Schulen durchgeführt wurde, einen positiven Einfluss auf die Gesundheits- und Digitalkompetenz der Teilnehmenden und förderte ihr Interesse an MINT-Fächern sowie ihre Motivation, die eigene Gesundheit aktiv zu erhalten.
Partizipation
Die Studie „Self-directed learning of informal caregivers using mobile health: a systematic review“ untersucht, wie informelle Pflegepersonen mobile Gesundheitstechnologien für ihre eigenständige Weiterbildung nutzen. Anhand einer systematischen Literaturrecherche wurden zwölf internationale Studien ausgewertet, wobei der Fokus auf den Bedürfnissen, Interessen und Herausforderungen von pflegenden Angehörigen lag. Die Ergebnisse zeigen, dass insbesondere weibliche, gebildete und berufstätige Personen mobile Anwendungen bevorzugen, um Informationen zu Krankheiten, Pflegeabläufen und Unterstützungsmöglichkeiten zu erhalten, wobei ein zentraler Hinderungsgrund oft der eingeschränkte Internetzugang und Zweifel an der Vertrauenswürdigkeit der Online-Informationen ist. Die Autorinnen betonen das Potenzial von mHealth für die Pflegebildung und empfehlen weiterführende Forschung zur Überprüfung des Lernerfolges. (Pereira und Pereira 2025)
Prävention
Die Studie „Improving and Maintaining Preventive Services, Part 1: Applying the Patient Model“ von Forrest A. Pommerenke und Allen Dietrich untersucht Faktoren, die die präventive Versorgung in der Primärmedizin beeinflussen. Sie zeigt, dass die Qualität der präventiven Maßnahmen stark von der Gestaltung des Praxisumfelds abhängt, das durch Ärzte modifiziert werden kann. Das Patient Path Model wird als Rahmen zur systematischen Evaluierung von Praxen vorgestellt, um Verbesserungsmöglichkeiten zu identifizieren. Es berücksichtigt Patienten- und Arztumgebung, Kommunikationsfähigkeiten und Praxisorganisation, um präventive Maßnahmen wie Krebsfrüherkennung und Rauchentwöhnung zu fördern. Die Studie betont, dass gezielte Anpassungen in der Praxisumgebung präventive Versorgung nachhaltig verbessern können. (Pommerenke und Dietrich 1992)
Hospital-at-Home
Die Studie “Collaborative development of a rules-based electronic health record algorithm for Hospital-at-Home eligibility” befasst sich mit der Entwicklung eines regelbasierten Algorithmus (RBA), der auf elektronischen Gesundheitsakten basiert, um die Eignung von Patient:innen für das „Hospital-at-Home“-Modell (HaH) effizienter zu bestimmen. Ziel war es, durch interdisziplinäre Zusammenarbeit und die Einbindung klinischer Rückmeldungen einen praxisnahen Algorithmus zu entwickeln, der die Auswahl geeigneter Patient:innen verbessert und klinische Abläufe unterstützt. Die Forschung zeigt, wie datenbasierte Ansätze zur Optimierung neuartiger Versorgungsmodelle beitragen können. (Liu u. a., o. J.)
Das Projekt Stay@Home – Treat@Home (STH) der Charité – Universitätsmedizin Berlin entwickelt ein telemedizinisch unterstütztes, transsektorales Kooperationsnetzwerk, um ambulante Pflegebedürftige in Berlin rund um die Uhr zu versorgen. Ziel ist die frühzeitige Erkennung und Kommunikation gesundheitlicher Verschlechterungen, um frühzeitig im häuslichen Umfeld zu intervenieren, ungeplante Krankenhausaufenthalte zu vermeiden und die Lebensqualität zu verbessern. Unterstützt durch ein digitales Gesundheitstagebuch (DiG) und in Kooperation mit der Zentralen Notaufnahme, werden 1.500 Pflegebedürftige eingebunden. Das Projekt, gefördert vom Innovationsfonds, läuft von Oktober 2022 bis September 2026.
Die Studie „Comparison of Hospital-at-Home models: a systematic review of reviews“ von Leong MQ et al., veröffentlicht in BMJ Open 2021, untersucht die Sicherheit und Wirksamkeit von Hospital-at-Home (HaH)-Modellen, aufgeteilt in Early-Supported Discharge (ESD) und Admission Avoidance (AA). Die systematische Überprüfung von Reviews analysiert klinische Ergebnisse, Krankenhausaufenthaltsdauer (LOS) und Kosten. Die Ergebnisse zeigen, dass HaH im Vergleich zur stationären Behandlung ähnliche oder bessere klinische Ergebnisse erzielt, die Krankenhausaufenthaltsdauer verkürzt und die Patientenzufriedenheit hoch ist. AA-Modelle zeigen tendenziell bessere Ergebnisse bei Mortalität, Wiedereinweisungen und Kosten im Vergleich zu ESD. Die Studie empfiehlt, AA-Modelle zu priorisieren, weist jedoch auf die Notwendigkeit weiterer Forschung zu Kosten, Pflegebelastung und unerwünschten Ereignissen hin. (Leong u. a. 2021)
Stadt & Land
Die Studie „Superior medical resources or geographic proximity? The joint effects of regional medical resource disparity, geographic distance, and cultural differences on online medical consultation“ untersucht die Auswirkungen regionaler Unterschiede in der Verfügbarkeit medizinischer Ressourcen, geografischer Distanz und kultureller Unterschiede auf Online-Konsultationen zwischen Patienten und Ärzten. Basierend auf 813.684 Konsultationsdatensätzen zeigt die Studie, dass Patienten aus medizinisch benachteiligten Regionen vermehrt Ärzte aus Regionen mit besseren medizinischen Ressourcen konsultieren. Geografische Distanz und kulturelle Unterschiede wirken jedoch einschränkend auf diese Konsultationen, wobei die Distanz den Einfluss medizinischer Ressourcenunterschiede abschwächt, während kulturelle Unterschiede diesen verstärken. Die Online-zu-Offline-Natur der Konsultationen trägt zur Einschränkung durch geografische Distanz bei, während Ärztereputation und Plattformbeteiligung diese Effekte mildern können. Die Ergebnisse bieten Implikationen für die Verteilung medizinischer Ressourcen und die Gestaltung von Gesundheitspolitik. (Liu und Liu 2024)
Die Studie „The digital divide in rural and regional communities: a survey on the use of digital health technology and implications for supporting technology use“ untersucht die digitale Gesundheitskompetenz und das Engagement von Menschen in ländlichen und regionalen Gemeinschaften. Ziel war es, Barrieren und Förderfaktoren für die Nutzung digitaler Gesundheitstechnologien zu identifizieren. An der Umfrage nahmen 40 Erwachsene teil, die mindestens eine digitale Gesundheitstechnologie verwendet hatten. Die meisten (80 %) zeigten mit einem eHEALS-Score von 26 oder höher Vertrauen in Online-Gesundheitsinformationen. Häufige Hindernisse waren Produktkomplexität, mangelnde Zuverlässigkeit, fehlende Kenntnis von Ressourcen, Misstrauen und Kosten. Die Studie betont die Notwendigkeit, Personen mit geringerer digitaler Gesundheitskompetenz gezielt zu unterstützen, um den Zugang zu und die Nutzung von digitalen Gesundheitstechnologien zu verbessern. (Jongebloed u. a. 2024)
Stakeholder und Wertschöpfung im Wandel
Die digitale Transformation verändert den Gesundheitssektor grundlegend, indem sie die Erwartungen und Verhaltensweisen der Beteiligten neu definiert. Ein integrativer Review mit Grounded-Theory-Ansatz identifizierte wesentliche Stakeholder – Anbieter medizinischer Behandlungen, Patienten, regulierende Institutionen, Kostenträger und Intermediäre – und analysierte deren Wertschöpfung und Beziehungen. Die Ergebnisse zeigen, dass Patienten durch Technologie an Einfluss gewinnen, Anbieter zunehmend von Intermediären abhängig werden, Kostenträger neue Geschäftsmodelle nutzen und regulierende Institutionen neue Akteure integrieren müssen. Das entwickelte konzeptionelle Modell verdeutlicht die Vernetzung dieser Akteure und fördert ein holistisches Verständnis der digitalen Transformation im Gesundheitswesen. (Konopik und Blunck 2023)
Versorgung sichern - Skalierbarkeit
Die Skalierung der ambulanten primärärztlichen Versorgung kann durch interprofessionelle Teams, Delegation an nichtärztliche Fachkräfte und Modelle wie das Patient-Centered Medical Home oder Accountable Care Organizations erfolgen, die durch Teamarbeit und Ressourcenallokation die Kapazität steigern. (Bodenheimer 2022a, 2022b) Strukturierte Protokolle, Panel-Management und die Einbindung von Mental Health- und Präventionsspezialisten gelten ebenfalls als effektiv. (Albert u. a. 2024) In der digitalen Gesundheitsversorgung erhöht Telemedizin, einschließlich Video- und Telefonkonsultationen sowie Fernüberwachung, die Kapazität, insbesondere in der Pädiatrie, und verbessert Zugänglichkeit und Qualität. (Curfman u. a. 2022, 2021) Digitale Tools wie Entscheidungsunterstützungssysteme und Patientenportale werden zunehmend genutzt, stoßen jedoch auf Implementierungs- und Akzeptanzprobleme (Fava und Lapão 2024; Hensel und Powell 2022). Vergleichende Studien zur Telemedizin in der kinderärztlichen Versorgung zeigen Machbarkeit und Kosteneffizienz, jedoch fehlen standardisierte Vergleiche und Daten zur Nichtunterlegenheit. (Southgate u. a. 2022; Casey u. a. 2024; Dulude u. a. 2023) Modelle wie SC4C in Australien, das integrierte Versorgung zwischen Pädiatern und Hausärzten fördert, gelten als skalierbar, wobei die Nachhaltigkeit von Vergütungsstrukturen abhängt. (Crespo-Gonzalez u. a. 2024) Team-basierte Ansätze, Telemedizin und digitale Tools sind zentrale Strategien, deren Evidenz in der Pädiatrie weiterentwickelt werden muss.
Einzelpraxis und Teampraxis
Team-basierte Versorgung in der Primärversorgung verbessert Prozessmaßnahmen, Versorgungskoordination und in einigen Populationen klinische Ergebnisse im Vergleich zur Einzelpraxis, wie die Studie Processes and Outcomes of Diabetes Mellitus Care by Different Types of Team Primary Care Models zeigt. Team-Modelle, die Pflegekräfte, Arzthelfer, Apotheker und andere Gesundheitsfachkräfte einbeziehen, erhöhen die Einhaltung von Leitlinien bei chronischen Erkrankungen wie Diabetes (Provider Teams Outperform Solo Providers in Managing Chronic Diseases and Could Improve the Value of Care) und reduzieren Krankenhausaufenthalte bei multimorbiden Patienten (Association of Team-Based Primary Care With Health Care Utilization and Costs Among Chronically Ill Patients). Einzelpraxen bieten zwar Kontinuität, sind jedoch anfälliger für Versorgungsunterbrechungen, was zu höheren Kosten und mehr Facharztbesuchen führt (Changes in Health Care Use and Outcomes After Turnover in Primary Care). Zudem haben sie oft weniger patientenzentrierte Fähigkeiten (Characteristics and Disparities Among Primary Care Practices in the United States). Unterschiede in Patientenergebnissen sind jedoch nicht immer konsistent (Group Versus Single Handed Primary Care: A Performance Evaluation of the Care Delivered to Chronic Patients by Italian GPs), und die Zufriedenheit von Ärzten hängt von Kommunikation und Vertrauen ab (The Association of Teamlets and Teams With Physician Burnout and Patient Outcomes; Primary Care Physician Perspectives on Using Team Care in Clinical Practice).
Weiteres
Die Studie „Scaling Remote Patient Care: The Mechanics of a Paradigm Shift in Chronic Disease Management“ beschreibt ein skalierbares Fernüberwachungsprogramm (Remote Patient Care, RPC), das Providence gemeinsam mit Cadence für Patienten mit Hypertonie, Herzinsuffizienz und Typ-2-Diabetes entwickelt hat. Ein Algorithmus identifiziert geeignete Patienten, die durch ein multidisziplinäres, von Nurse Practitioners geleitetes Team virtuell betreut werden, inklusive 24/7-Überwachung von Vitalwerten und leitliniengerechter Therapieanpassungen. Das Programm, das über vier Bundesstaaten und neun Märkte mehr als 2.500 Patienten (davon 37 % aus ländlichen oder unterversorgten Gebieten) erreichte, erzielte nach 19 bis 28 Monaten deutliche Verbesserungen: 43 % relative Zunahme der Patienten mit Zielblutdruck (<140/90 mmHg), 107 % bzw. 300 % Steigerung der leitliniengerechten Herzinsuffizienz-Therapie sowie Senkung des Blutzuckerspiegels bei Diabetes – bei gleichzeitiger Reduktion von stationären Aufnahmen und Kosten. Finanziert durch Fee-for-Service-Codes für Fernüberwachung, entlastet es Primärversorger und fördert den Übergang zur wertbasierten Versorgung.
Der Artikel „The Technology-Driven Paradigm Shift in Care Delivery“ von Edward Prewitt, Namita Seth Mohta, Lisa Gordon und Thomas H. Lee, veröffentlicht am 15. Oktober 2025 in NEJM Catalyst Innovations in Care Delivery (Band 6, Ausgabe 11), fasst die Beiträge der Ausgabe zusammen. Er beschreibt, wie Technologien wie Telemedizin und Fernüberwachung die Versorgung umgestalten, und hebt zwei zentrale Artikel hervor: einen über telemedizinisch unterstützte Primärversorgung bei MedStar Health sowie einen über skalierbare Fernversorgung für chronische Erkrankungen bei Providence Health in Kooperation mit Cadence. Weitere Themen umfassen ein Krankenhaus-Kommandozentrum an der University of Michigan, ein Lungenkrebs-Screening-Programm an der University of Rochester, Führungstrainings für Ärzte, value-based-care-Ausbildung sowie ein ganzheitliches Food-Is-Medicine-Programm. Die Ausgabe schließt mit einem Insights Report zur Mutterschaftsversorgung ab.
- www.neueversorgung.de
- www.versorgungsatlas.de
- gesundheitsregionenplus
- Schweizer Forum für Integrierte Versorgung (fmc)
Das Projekt ReGen – Regionale Gesundheitsnetze und -regionen evaluieren und weiterentwickeln untersucht in Bayern, Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein bestehende Gesundheitsnetze und -regionen. Ziel ist die Entwicklung universeller Indikatoren zur Bewertung der Versorgungskontinuität und Koordination zwischen Leistungserbringern. Das Vorhaben analysiert Strukturen und Arbeitsweisen dieser Netzwerke, erhebt Erfolgsfaktoren sowie Qualitätssicherungsmaßnahmen mittels Fragebögen und Interviews und vergleicht diese in einem quasi-experimentellen Design mit der Regelversorgung. Ergänzend kommen soziale Netzwerkanalysen zum Einsatz. Das Projekt läuft von Januar 2026 bis Dezember 2028.
„Versorgungsanker und Inseltreff: Borkum bekommt ein Regionales Versorgungszentrum“ ist eine Pressemitteilung der Niedersächsischen Landesregierung vom 24. Januar 2026. Auf der ostfriesischen Insel Borkum entsteht das achte Regionale Versorgungszentrum (RVZ) des Landes Niedersachsen. Das Land fördert den Aufbau im Gebäude des Inselkrankenhauses mit rund 930.000 Euro (95 % der Gesamtkosten). Das kommunal getragene Medizinische Versorgungszentrum (MVZ) sichert die hausärztliche Versorgung und integriert digitale Elemente wie Telemedizin, um Wege zum Festland zu vermeiden. Ergänzt wird es durch gebündelte soziale Beratungsangebote (z. B. Familienhebamme, sozialpsychiatrischer Dienst) sowie Räume für Vorträge, Sportkurse, Theater und gemeinsames Kochen, wodurch ein zentraler Treffpunkt für die Inselgemeinschaft entsteht.
Die Studie mit dem Titel „An LLM chatbot to facilitate primary-to-specialist care transitions: a randomized controlled trial“ wurde am 19. Januar 2026 in Nature Medicine veröffentlicht. Forscher um Xinge Tao und Shasha Han entwickelten den Chatbot PreA (Preassessment) auf Basis von GPT-4.0 mini, der gemeinsam mit lokalen Stakeholdern (Patienten, Ärzten, Pflegekräften und Administratoren) gestaltet wurde. PreA übernimmt Anamnesen, vorläufige Diagnosevorschläge und Testempfehlungen, die üblicherweise in der Primärversorgung erfolgen, und erstellt Überweisungsberichte für Fachärzte. In einer randomisierten kontrollierten Studie mit 2.069 Patienten an zwei tertiären Zentren in Westchina (111 Fachärzte aus 24 Disziplinen) verkürzte die autonome Nutzung von PreA die Facharztkonsultationsdauer um 28,7 % (von 4,41 auf 3,14 Minuten), verbesserte die wahrgenommene Versorgungskoordination um 113,1 % und die patientenseitig berichtete Kommunikationsleichtigkeit um 16,0 %. Die Ergebnisse zwischen autonomer und personalunterstützter Nutzung waren vergleichbar, was die eigenständige Funktionsfähigkeit bestätigt. Der Co-Design-Ansatz erwies sich gegenüber einer reinen Feinabstimmung mit lokalen Dialogdaten als überlegen, um LLMs in ressourcenbeschränkten Gesundheitssystemen wirksam einzusetzen und patientenzentrierte Versorgung zu stärken.
Die systematische Review „Impact of Digital Interventions on the Treatment Burden of Patients With Chronic Conditions: Systematic Review“ von Manria Polus und Kollegen wurde am 21. November 2025 im Journal of Medical Internet Research (JMIR) veröffentlicht. Sie untersucht auf Basis von 46 eingeschlossenen Studien aus den Jahren 2013 bis 2025, wie digitale Interventionen (wie Telehealth, Informationsressourcen, Selbstmanagement-Tools und unterstützte Tools) die Behandlungslast bei Patienten mit chronischen Erkrankungen beeinflussen. Die Ergebnisse zeigen, dass digitale Interventionen überwiegend die Behandlungslast mindern, indem sie Selbstmanagement erleichtern, Informationszugang verbessern und den Kontakt zu Gesundheitsfachkräften vereinfachen; nur geringfügige negative Effekte treten auf, etwa durch Zugangsbarrieren, zeitaufwendige Nutzung oder ausgelöste Ängste. Die Autoren betonen, dass die Behandlungslast ein relevanter Faktor für zukünftige digitale Gesundheitsforschung ist und weitere Untersuchungen insbesondere bei Erkrankungen mit niedriger oder mittlerer Ausgangslast erforderlich sind.
Der Artikel „From Advice to Action — Real-World Behavior of Patients Using an Integrated Diagnostic Decision Support System for Navigating the Health Care System“ wurde am 5. März 2026 in NEJM AI veröffentlicht. Er beschreibt die ESSENCE-Studie, eine prospektive Beobachtungsstudie im portugiesischen privaten Gesundheitsnetzwerk CUF, die den Einfluss des Ada-Health-Diagnoseunterstützungssystems in der myCUF-App auf Patientenverhalten untersuchte. Bei 1470 Erwachsenen (Durchschnittsalter 38,5 Jahre, 57,7 % weiblich) änderte ein Drittel der Teilnehmer unmittelbar nach der Symptomprüfung ihre geplante Versorgungsstufe, die Unsicherheit sank signifikant von 12,6 % auf 5,0 %. Unter den 721 Personen mit beobachtetem Verhalten wechselten 59,1 % ihren Versorgungsweg, wobei Primärversorgungskonsultationen von 16,3 % auf 42,1 % zunahmen und Facharztbesuche von 49,7 % auf 29,8 % abnahmen. Die Angemessenheit der tatsächlichen Versorgung stieg bei nicht-notfallbezogenen Fällen von 29,8 % (vorab geplant) auf 64,4 % (beobachtet), und unnötige Notaufnahmebesuche wurden in 93 % der nachverfolgten Fälle angemessen vermieden. Die Integration eines KI-gestützten Symptom-Assessments förderte somit eine Reduktion von Unsicherheit und eine angemessenere Nutzung des Gesundheitssystems.
„Digitale Hausärztliche Versorgungsassistenten (DIHVA)“ ist ein Innovationsprojekt, das darauf abzielt, Ärzte – insbesondere in ländlichen Regionen – durch speziell ausgebildetes, digitales paramedizinisches Personal zu entlasten. DIHVA erheben mit mobiler, KI- und digitalgestützter Hardware einen Status vor Ort, die anschließend von Ärzten zentral ausgewertet und bei Bedarf per Videosprechstunde besprochen werden. Das Projekt läuft seit 2023 als Pilotstudie. Auf dieser Basis wird ein Ausbildungslehrgang entwickelt, um eine flächendeckende, sichere und wohnortnahe Gesundheitsversorgung zu gewährleisten.
Die systematische Übersichtsarbeit mit dem Titel „A systematic review of the scope and impact of rural primary healthcare innovations using digital health technology“ wurde 2026 in der Zeitschrift BMJ Open veröffentlicht. Sie analysiert 66 Studien aus verschiedenen Ländern, vorwiegend den USA, und untersucht den Einsatz digitaler Gesundheitstechnologien in der primärärztlichen Versorgung ländlicher Bevölkerungen. Häufigste Interventionen waren Telemedizin/Telehealth (n=36) sowie Fernüberwachung und Point-of-Care-Tests (n=21), mit Schwerpunkten auf Diabetes (n=17), kardiovaskulären Erkrankungen (n=11) und allgemeinen primärärztlichen Anliegen (n=13). Die Ergebnisse zeigen Potenziale für Kosteneinsparungen, Zeitersparnis, verbesserte Versorgungsqualität, höhere Akzeptanz bei Patienten und Anbietern sowie bessere Gesundheitsoutcomes, während Barrieren wie Arbeitsbelastung des Personals und mangelnde Patientencompliance bestehen. Die Autoren betonen die Notwendigkeit flexibler Politiken und Investitionen, um digitale Lösungen inklusive Künstlicher Intelligenz erfolgreich zu implementieren.
Die Studie mit dem Titel „Evaluating the impact of a medical telephone helpline and the use of a structured initial assessment on demand for acute and emergency care in Germany: an ecological study using secondary data“ wurde im März 2026 in der Zeitschrift BMJ Open veröffentlicht. Sie untersucht anhand von ambulanten Abrechnungsdaten aus den Jahren 2016 bis 2020 von elf Kassenärztlichen Vereinigungen (die über 64 % der gesetzlich Versicherten in Deutschland abdecken), ob die Einführung der 24/7-Arztrufnummer 116117 sowie des computergestützten Triage-Tools SmED zu einer Reduktion der Inanspruchnahme von Notaufnahmen (ED) und anderen ambulanten Notdiensten (OOH) geführt hat. Die Analyse zeigt insgesamt einen Rückgang der ED-Fälle pro 100.000 Einwohner von 295,0 auf 224,5 und der kombinierten ED- und OOH-Fälle von 516,4 auf 400,3, mit negativen Assoziationen zwischen der Nutzung der Rufnummer 116117 sowie SmED und der Nachfrage nach akuter Notfallversorgung, wobei die Effekte regional variieren und teilweise statistisch nicht signifikant sind. Aufgrund des ökologischen Designs, des Fehlens einer Kontrollgruppe infolge gesetzlicher Vorgaben, heterogener Umsetzung und der Überlagerung durch die COVID-19-Pandemie bleiben die Ergebnisse jedoch nicht eindeutig; Sensitivitätsanalysen ohne Pandemiephase zeigen teils abweichende Zusammenhänge. Die Autoren schließen, dass ein Trend zu einer Entlastung durch die Helpline erkennbar ist, der Effekt von SmED jedoch unklar bleibt und weitere individualbezogene Untersuchungen erforderlich sind.
Der Artikel mit dem Titel „Large-scale system-level digitalisation initiatives in the National Health Service in England: insights from three national evaluations“ von Kathrin Cresswell und Robin Williams wurde am 2. März 2026 in der Fachzeitschrift npj Digital Medicine veröffentlicht. Die Autoren analysieren drei große nationale Digitalisierungsprogramme im englischen National Health Service (NHS) mit einem Gesamtvolumen von 13 Milliarden Pfund auf Basis von drei unabhängigen Evaluationen. Insgesamt wurden über 15 Jahre hinweg 1079 Interviews, 819 klinische Beobachtungen und 2219 Dokumente ausgewertet. Trotz unterschiedlicher Programmziele zeigen sich gemeinsame Herausforderungen: die Integration neuer Technologien mit bestehenden Altsystemen, überhöhte Erwartungen, politisch getriebene Zeitpläne, instabile Governance und fehlende systematische Nutzung von Lernerfahrungen. Die größten Hindernisse werden als soziotechnisch beschrieben. Die Studie plädiert für eine bessere nationale Unterstützung und Systemkoordination und schlägt ein dreistufiges Modell vor: zunächst Investitionen in Infrastruktur, dann Förderung gemeinsamen Lernens und darauf aufbauend fortgeschrittene Innovationen.
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